Karriere Marke Eigenbau Von Kathrin Halfwassen
In den Ingenieurwissenschaften gibt es besonders viele soziale Aufsteiger.
© AndreasF. - Photocase.com Ingenieurwissenschaften - in kaum einem anderen Fach gibt es so viele soziale AufsteigerEs folgen die Ingenieurschule in Koblenz und zweieinhalb Jahre im Antennenlabor des Max-Planck-Instituts. Dann nimmt Noll eine halbe Stelle bei Siemens an und füllt den Rest des Tages mit einem Studium an der TU München. Anschließend Traineeprogramm, einige Monate in Berkeley, ein paar Jahre als leitender Angestellter bei Siemens. 1992 schließlich der Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Elektrotechnik und Datenverarbeitungssysteme an der RWTH Aachen. »Ich habe immer nur den nächsten Schritt gesehen. Dass ich einmal Studenten ausgerechnet in meinem Lieblingsgebiet der elektromagnetischen Felder unterrichten würde, davon habe ich nicht einmal geträumt.« Und so fühlt er sich noch heute unbehaglich, wenn seine Mutter andere stolz auf den Professorentitel des Sohnes hinweist. Eine Aufsteigerbiografie zum Staunen. Dass solche Lebensläufe in der Ingenieurwissenschaft und Informatik häufiger vorkommen als in anderen Fächern - das sagt das Bauchgefühl, sagen Ingenieure, sagen Berufsberater.
Doch Zahlen, die das Märchen vom besonders durchlässigen Studiengang statistisch stützen, gibt es kaum. Um das im Kleinen zu ändern, hat einer von Nolls Kollegen an der RWTH, Manfred Nagl, ehemals Pro fes sor für Softwaretechnik, alle Aachener Ingenieur- und Informatikprofessoren zu ihrer Herkunft befragt. Ergebnis: Bei zwei Dritteln hatten die Eltern nicht studiert. »Die Studie ist mit 189 Teilnehmern zwar klein, dafür haben wir eine Rücklaufquote von 100 Prozent«, erklärt Nagl. Zudem hätten Befragungen in Leitungsgremien des Ingenieurverbundes 4ING sowie auf Fachtagungen ähnliche Ergebnisse gezeigt. »Ich bin überzeugt davon, dass sozialer Aufstieg bei Ingenieuren und Informatikern vergleichsweise leicht möglich ist. Und dass die Zahlen auf die Industrie übertragbar sind - schließlich arbeiten die meisten Professoren vorher in leitender Position in Unternehmen, ehe sie an eine Universität berufen werden.«
Die Schlagworte, die potenzielle Aufsteiger zum Studium verführen, heißen »Planbarkeit der Karriere« und »sicheres Einkommen«: »Für Kinder aus Akademikerfamilien ist ein Studium selbstverständlicher Teil der Biografie. Anders ist das bei Kindern aus nicht akademischen Elternhäusern - für die bedeutet ein Studium ein Risiko, und es muss absehbar sein, dass sich ein Abschluss auszahlt«, sagt Heinz-Elmar Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Auf Ingenieure warten Zehntausende offene Stellen - auch wenn die Lücke zwischen großer Nachfrage und kleinem Angebot mit der Krise geschrumpft ist; die Arbeitslosenzahl hat sich in den vergangenen sechs Jahren gedrittelt, und Ingenieure gehören zu den bestbezahlten Berufsgruppen in Deutschland.
Und doch könnten den Ingenieurwissenschaften die Helden künftiger Erfolgsgeschichten ausgehen. Zum einen eine statistische Notwendigkeit: Die Zahl der Akademiker steigt stetig, damit sinkt zugleich die Zahl der Aufstiegsaspiranten. Zudem entscheiden sich Abiturienten aus Nichtakademikerhäusern eben vergleichsweise selten für ein Studium. Während etwa die Kinder einer Beamtenfamilie, in der der Vater studiert hat, zu 95 Prozent studieren, erlangen nur 17 Prozent der Arbeiterkinder einen Hochschulabschluss. »Bei Marktkrisen sind sie die Ersten, die davor zurückschrecken und sich lieber für einen Beruf entscheiden«, sagt Tenorth. Weil häufig finanzielle und moralische Unterstützung fehlten sowie das Bewusstsein für die eigene Leistungsfähigkeit - die Sicherheit bei der Karriereplanung, die Aufsteigern besonders wichtig ist. Genug Gründe, schwarzzumalen, gerade nach der Krise. »Wir brauchen die sozialen Aufsteiger. Auch weil sich unser Beruf nicht vererbt, wie unsere Befragung gezeigt hat«, sagt Nagl. Anders als bei Ärzten, die ihre Praxis häufig an die Kinder weitergäben, studierten die Kinder der Ingenieurprofessoren das Fach nicht häufiger als der Durchschnitt. Wissenschaft wie Politik hätten es gemeinschaftlich verschlafen, Jugendliche vom Sinn und von der Erfüllung durch einen technischen Beruf zu begeistern.
Der Dresscode oder der richtige Stallgeruch ist nicht entscheidend
Und so werben Nagl und seine Kollegen ebenso wie die Regierung mit verschiedenen Programmen und Initiativen nun um Aufsteigernachwuchs, besonders unter den Migranten. Werben damit, dass mathematisches Geschick, analytisches Denken und Einsatz genügen, um erfolgreich zu sein. Dass es keinen Dresscode gibt und weder anerzogene Eloquenz noch der richtige Stallgeruch vonnöten seien, um Ingenieur zu werden. »Ein Ingenieur ist einer, der sich anstrengt. Wer sich als Aufsteiger für ein Studium entscheidet, schaut vor allem darauf, wie verwertbar der Abschluss ist, wie gut die Be rufsaus sich ten sind. Das ist ein Vorteil unseres Fachs.« Und dieser soll helfen, einem Fatalismus zu begegnen, gegen den das Märchen vom individuellen Aufstieg häufig verliert. »An den Schulen lassen sich unglaublich viele beobachten, die kein Zukunftsbewusstsein haben, die sagen: Das hier führt doch alles zu nichts«, sagt der Erziehungshistoriker Tenorth. Mentoringprogramme, praxisorientierte, lokale Kooperationen zwischen Schulen und Wirtschaft sieht er als Wege, Perspektiven aufzuzeigen und somit ein Bewusstsein dafür zu schaffen, welchen Wert Bildung für den Lebenslauf hat. »Da würde schon ein Ingenieur genügen, der eine Firma besitzt und Praktika anbietet. Ein verlässlicher Pate, der zeigt, was man aus sich machen kann.«Eine, die an den Schulen für ihren Beruf wirbt, ist Erika Abraham. Als Juniorprofessorin für Informatik an der RWTH berät sie Schüler und beobachtet immer wieder, dass gerade die Begabtesten unter denen, die keinen akademischen Hintergrund haben, ein Studium scheuen - aus Angst, den Abschluss nicht zu schaffen. »Ich hatte kürzlich wieder so ein talentiertes Mädchen, das ich regelrecht zum Studium überreden musste.« Dabei könne es durchaus von Vorteil sein, aus einem Nichtakademikerhaushalt zu stammen. »Meine Eltern hatten nach dem Krieg andere Probleme, als zu studieren. Ich musste mir alles selbst erarbeiten - und habe gelernt, mir selbstständig Wissen anzueignen. Das war für das Studium eine gute Voraussetzung.« Mit 19 zieht die gebürtige Ungarin der Liebe wegen nach Kiel, schreibt sich für Informatik ein, promoviert. Heute forscht sie unter anderem zu komplexen Computer-Kontrollsystemen, die die Arbeit der Ingenieure vereinfachen, etwa im Bereich der Autos mit Hybridantrieb.
»Was meine Eltern gemacht haben, war nie ein Thema. Wenn ich Hindernisse zu überwinden hatte, dann eher als kleine Frau, der man erst einmal weniger zugetraut hat als den Männern.« Wer Erika Abraham von der Arbeit schwärmen hört, kann daran glauben, dass das Prinzip Vorbild Abiturienten zum Studium zu verführen vermag. »Wenn ich ein Problem habe mit vielen Komponenten, fasziniert mich das. Ich schaue es von links an und von rechts, träume davon oder arbeite gleich die Nacht durch - einfach weil ich die Lösung finden will. Das ist anstrengend, aber es bringt enorm viel Spaß. Und Kraft«, sagt die 39-Jährige, die neben der Arbeit zwei Kinder allein erzieht. Und auch Tobias Noll möchte begeistern: »Wenn ich als Ingenieur etwas erfolgreich entwickle, kann ich beobachten, wie sich die Sache weltweit verbreitet.« Er erzählt vom Urlaub auf einer griechischen Insel und davon, wie sein Blick auf einen Fernseher fiel: »Zu wissen, dass in dieser Fernbedienung mein Chip steckt, ist ein tolles Gefühl.«
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Aus DIE ZEIT :: 08.04.2010
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