Postdoc-Wege in die Forschung Von Miriam Buchmann-Alisch
Viele Forschungsprogramme wenden sich explizit an Promovierte. Etappen einer erfolgreichen Postdoc-Phase können ein Stipendium für das Arbeiten an einem eigenen Projekt im Ausland und danach die Leitung einer Nachwuchsgruppe in Deutschland sein.
© Canakris - Fotolia.comNach der Promotion stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Überdurchschnittlich qualifizierten Nachwuchswissenschaftler/innen geben umfangreiche Forschungsprogramme jedoch viele Möglichkeiten, sich bis zum Abschluss der Postdoc-Phase ein eigenes Forschungsprofil zu erarbeiten. Etappen können dabei ein Forschungsstipendium für das Arbeiten an einem eigenen Projekt im Ausland und danach die Leitung einer Nachwuchsgruppe in Deutschland sein.
DFG: "Ein Auslandsaufenthalt ist wichtig"
Erfahrung im Ausland spielt für den Erfolg einer wissenschaftlichen Karriere eine große Rolle: "Ein Auslandsaufenthalt ist wichtig. Internationale Vernetzung und Sichtbarkeit sind in Exzellenzprogrammen für Nachwuchsgruppenleiter sogar Voraussetzung", erläutert Anjana Buckow, die bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Nachwuchsförderung zuständig ist.Aber nicht immer ist ein Forschungsaufenthalt im Ausland erste Wahl. "Wer beispielsweise als Germanist oder Historiker thematisch sehr eng an Deutschland orientiert ist, kann einen anderen Karriereverlauf haben", präzisiert Buckow. In solchen Fällen wäre es möglich, sich alternativ zu einer Stelle als wissenschaftliche/r Mitarbeiter/in über die DFG eine "eigene Stelle" zu schaffen. Bis zu sechs Jahre haben Postdoktoranden dann Zeit, selbstständig ihr eigenes Forschungsprojekt an einer deutschen Universität zu realisieren. Danach dürfen sie sich altersunabhängig mit einem neuen Projekt noch einmal bewerben.
"In den Ingenieurwissenschaften ist es vielleicht wichtiger, statt einer reinen Forscherkarriere für eine Weile in die freie Wirtschaft reinzuschnuppern", sagt Buckow. Wichtig sei aber auch in diesem Fall, dass die Forschenden durch zahlreiche Publikationen und Zitierungen international wahrgenommen werden.
Eigenständiges Forschen am Ort der Wahl
Wer sich für einen Auslandsaufenthalt entscheidet, dem ermöglichen Stipendien das selbstständige Arbeiten am eigenen Projekt an einem Ort der Wahl. Einhellig nennen die Fördereinrichtungen eine überdurchschnittliche Promotion und die Exzellenz des Antrags als wichtigste Kriterien für die Bewilligung.Mit Forschungsstipendien der DFG beispielsweise arbeiten Postdocs aller Fachgebiete weltweit über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren in Kooperation mit einem selbst gewählten wissenschaftlichen Gastgeber eigenständig an ihrem Projekt. Im letzten Jahr wurden 355 Projekte über ein Forschungsstipendium gefördert.
Internationalisierung von wissenschaftlichem Nachwuchs
Der Deutsche Akademische Austausch Dienst (DAAD) vergibt Jahresstipendien. Dreimal jährlich entscheidet ein Gremium über deren Bewilligung, im letzten Jahr waren es 115. Auch mit diesen Forschungsstipendien können insbesondere frisch Promovierte aller Fachgebiete weltweit am eigenen Projekt forschen. "Schon in der Endphase der Promotion kann man sich bei uns bewerben", sagt Birgit Klüsener, zuständig beim DAAD für die Internationalisierung von Forschung und wissenschaftlichem Nachwuchs. Danach besteht noch vier Jahre lang die Möglichkeit dazu. Auch Kurzstipendien für drei bis sechs Monate sind möglich.Mit Feodor-Lynen-Forschungsstipendien der Alexander-von-Humboldt-Stiftung können jährlich bis zu 150 Wissenschaftler/innen aus Deutschland für eine Zeitspanne von bis zu zwei Jahren ein Forschungsprojekt im Ausland verwirklichen. Eine Besonderheit ist, dass sie Gast bei einem von weltweit 23.000 Humboldtianern, den Alumni der Stiftung, sein müssen. Dazu gehören Wissenschaftler/innen aus über 130 Ländern. Die Stipendien richten sich sowohl an Nachwuchswissenschaftler/innen, die ihre Promotion vor nicht mehr als vier Jahren abgeschlossen haben, als auch, mit etwas kürzerer Laufzeit, aber höher dotiert, an erfahrene Postdoktoranden nach höchstens 12 Jahren seit der Promotion.
Stipendien für Mediziner und Geisteswissenschaftler
Darüber hinaus gibt es fachspezifische Programme. Das "Leopoldina-Förderprogramm" der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina beispielsweise bietet Postdoc-Stipendien für junge Naturwissenschaftler und Mediziner. Damit arbeiten sie in der Regel zwei Jahre lang an renommierten Forschungsstätten, meist im Ausland.Gemeinsam mit den National Institutes of Health (NIH) in den USA hat die DFG ein Förderprogramm für Wissenschaftler aus den Bereichen der Lebenswissenschaften entwickelt. Die zweimal jährlich ausgeschriebenen "Research Career Transition Awards" ermöglichen es Postdocs bis vier Jahre nach Abschluss ihrer Promotion, über einen Zeitraum von fünf bis sechs Jahren Forschungsarbeiten etwa zur Hälfte an einem der NIH-Institute in den USA und im Anschluss daran an einer deutschen Forschungseinrichtung durchzuführen.
Auch viele Stiftungen vergeben fachspezifische Stipendien für Postdoktoranden im In- und Ausland - unterschiedlich in Dauer, Umfang und Bedingungen. Ein Beispiel dafür ist die VolkswagenStiftung: Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaftler können mit einjährigen Schumpeter-Fellowships an einem Ort ihrer Wahl forschen. Fellowships an der Harvard University in den USA wenden sich explizit an Geisteswissenschaftler/innen.
Der selbstständige Aufbau von Nachwuchsgruppen ist begehrt
Nach erfolgreicher erster Forschungserfahrung sind neben der Juniorprofessur insbesondere länger laufende Förderungen attraktiv, die die Postdoc-Phase ausfüllen und gleichzeitig die Chance bieten, selbstständig zu forschen. Begehrt sind Nachwuchsgruppen, in denen die DFG und die außeruniversitären Forschungseinrichtungen Helmholtz-Gemeinschaft und Max-Plank-Gesellschaft (MPG) herausragende Postdoktoranden fördern, um sie auf eine wissenschaftliche Leitungsfunktion vorzubereiten.Allen Nachwuchsgruppen liegt derselbe Ansatz zugrunde: Für einen meist fünfjährigen Zeitraum erhält ein Gruppenleiter die für das Forschungsprojekt notwendigen Personal- und Sachmittel. Die Besoldungsgruppe ist mit W2 höher als die der Juniorprofessur, die Höhe der Sachmittel und Personalkosten hängt vom Bedarf ab. Damit können eigenständige Gruppen junger Wissenschaftler aufgebaut werden. Alternativ zur Juniorprofessur und zur Habilitation können Nachwuchsgruppenleiter/innen so die Berufbarkeit erlangen. Positiv sticht bei der späteren Evaluation hervor, wer innerhalb der Programme Drittmittel einwirbt.
Die Programme richten sich auch an deutsche "Rückkehrer" mit Forschungserfahrung an ausländischen Forschungseinrichtungen. Ebenso stehen sie ausländischen Bewerbern offen, die ihre wissenschaftliche Karriere im Anschluss an die Förderung in Deutschland fortsetzen möchten. "Deutschland ist mit seinen Nachwuchsgruppen in der Forschung international ein sehr attraktives Pflaster", erklärt Buckow von der DFG.
DFG: Berufungsquote ist hoch
Im Emmy-Noether-Programm fördert die DFG derzeit etwa 300 Nachwuchsgruppen. Die Kandidaten suchen sich ein für ihr Vorhaben geeignetes Institut an einer deutschen Universität oder an einer außeruniversitären Forschungseinrichtung aus. 50 bis 70 neue Stellen für Gruppenleiter in allen wissenschaftlichen Fachgebieten werden jährlich bewilligt. Lehrtätigkeiten übernehmen sie in Absprache mit dem Institut auf freiwilliger Basis. Einziger Haken: Häufig fehlt die langfristige Perspektive einer Festanstellung. "Bisher setzen erst wenige deutsche Universitäten das Tenure-Track-Modell konsequent um", sagt Buckow. "Der Sprung auf eine Professur ist häufig noch mit obligatorischem Ortswechsel verbunden, eine Folge des so genannten Hausberufungsverbots." Für das Programm spricht die hohe Berufungsquote von Emmy-Noether-Geförderten.Mehr zum Thema Nachwuchsgruppenleiter
Mit Emmy Noether zur Professur »Fünf Jahre lang flexibel und eigenständig forschen - das ist der Traum vieler junger Wissenschaftler. Als Leiter einer Nachwuchsgruppe ist dies möglich. Marc Toussaint ist Nachwuchsgruppenleiter an der TU Berlin - sein Fachgebiet: die Neuroinformatik.
Kooperation mit Hochschulen ist wünschenswert
Die Helmholtz-Gemeinschaft bietet schon länger eine verlässliche Karriereperspektive für ihre Nachwuchsgruppenleiter. Wenn unabhängige Experten nach drei- bis vierjähriger Laufzeit die herausragende Leistung der Forscher bestätigen, erhalten diese ein unbefristetes Arbeitsverhältnis in einer leitenden Position in einer ihrer Zentren. "Im Programm ist die Kooperation mit Hochschulen wesentlicher Bestandteil", sagt Berit Dannenberg, die in der Helmholtz-Gemeinschaft für die Nachwuchsförderung zuständig ist. "Der Hochschul-Nachwuchsgruppenleiter können auch von Universität und Helmholtz-Zentrum auf eine gemeinsame Juniorprofessur berufen werden und Lehraufgaben bekommen. Solche gemeinsamen Berufungen klappen leider nicht immer, sind aber wünschenswert." Derzeit profitieren dort 97 Nachwuchsgruppen von der Förderung, bis zu 20 im Jahr werden neu bewilligt.Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat das Konzept der Nachwuchsgruppen aufgegriffen und fördert seit 2007 damit themenoffen bis zu 200 herausragende Wissenschaftler/innen aus ganz Europa, deren Projekte neue Wissensgebiete eröffnen. Kandidaten können sich dort bis zu neun Jahre nach der Promotion europaweit um eine fünfjährige Unterstützung beim Aufbau ihres ersten unabhängigen Forschungsteams an einer Universität ihrer Wahl bewerben. Die Bewilligungsquote ist allerdings niedriger als bei den drei deutschen Programmen.
Arbeiten im größeren Forschungskontext
Nachwuchsgruppen lassen sich auch in einen größeren Forschungskontext integrieren. Und natürlich können Postdoktoranden generell intensive Erfahrungen sammeln, indem sie in einem größeren Forschungsprojekt mitarbeiten. Grundlagen dafür schaffen unter anderem die so genannten Koordinierten Programme der DFG. Dazu gehören Forschergruppen, Graduiertenkollegs, Geisteswissenschaftliche Zentren in Ostdeutschland, Exzellenzcluster und Sonderforschungsbereiche. "Hierbei arbeitet man mit renommierten und erfolgreichen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen zusammen an einem Top-Forschungsprojekt in einem hervorragenden Umfeld mit guter Ausstattung", erläutert Buckow. "Denn ein Sonderforschungsbereich wird nur eingerichtet, wenn das Thema gänzlich überzeugt und das Umfeld stimmt."Quelle: academics
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10. Mai 2012
Humboldt-Universität zu Berlin




