Schweiz: Bessere Karriereaussichten für junge deutsche Wissenschaftler?

In Deutschland steht eine wachsende Zahl von Nachwuchswissenschaftlern einer relativ gleichbleibenden Zahl von Professoren gegenüber. Um die eigenen Karriereaussichten zu verbessern, wechseln daher viele ins Ausland, auch in das Nachbarland Schweiz. Fragen an einen jungen Wissenschaftler, der nicht nur die Hochschulsysteme in Deutschland und der Schweiz, sondern auch die Probleme vieler junger Wissenschaftler gut kennt.

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Forschung & Lehre: Sie halten das deutsche Wissenschaftssystem für ineffizient. Warum?

Caspar Hirschi: Ich habe die Ineffizienz des deutschen Wissenschaftssystems an zwei verschiedenen Faktoren festgemacht. Der erste Faktor betrifft das Verhältnis der Forschungsinvestitionen zu den Publikationen und Zitationen. In Vergleichsstudien zu verschiedenen Staaten, die vor ein paar Jahren in Science und Nature erschienen sind, schneidet Deutschland nicht nur schlechter ab als Kleinstaaten wie die Schweiz, Schweden, Israel oder Finnland, sondern bleibt auch hinter Großstaaten wie den USA, Kanada, Großbritannien und Australien zurück. Obwohl die Vergleichsstudien seriöser und elaborierter sind als die berühmteren Universitätsrankings, ist ihre Aussagekraft begrenzt, da sie nur jene Wissenschaften erfassen, die mit quantifizierbaren Leistungskriterien operieren. Mit anderen Worten: ein beträchtlicher Teil der Sozialwissenschaften und nahezu alle Geisteswissenschaften bleiben unberücksichtigt. Ungleich wichtiger erscheint mir der zweite Faktor.

F&L: Der da wäre?

Caspar Hirschi: Die Verschleuderung von personellen und finanziellen Ressourcen bei der Förderung junger Forschenden. In Deutschland haben Wissenschaftler im Allgemeinen und Professoren im Besonderen noch immer einen höheren Sozialstatus als in den meisten anderen europäischen Ländern. Universitäten in Deutschland fällt es daher vergleichsweise leicht, wissenschaftliche Talente zu einem akademischen Karriereversuch zu motivieren. Dieser Vorteil hat sich meines Erachtens jedoch in einen Nachteil verkehrt, weil die deutsche Forschungsbürokratie sich nicht bemüßigt fühlte, die langen Unsicherheiten und einseitigen Abhängigkeiten abzuschwächen, denen junge Forschende an deutschen Universitäten wegen der zusätzlichen Hürde der Habilitation und der Machtfülle der Ordinarien ausgesetzt sind. Im Gegenteil, die DFG hat durch die Forcierung drittmittelfinanzierter Großprojekte die Anzahl Forschender mit befristeten Verträgen massiv erhöht, wohl wissend, dass die meisten von ihnen spätestens zwischen vierzig und fünfzig auf dem Weg zu einer unbefristeten Anstellung scheitern und dann so alt und überqualifiziert sind, dass sie keine Aussicht auf eine zweite Karriere außerhalb der Universität haben. Wir sprechen hier also von einer Ineffizienz, die nicht nur das deutsche Wissenschaftssystem, sondern die deutsche Volkswirtschaft insgesamt beeinträchtigt.

F&L: Was bedeutet das für den wissenschaftlichen Nachwuchs in Deutschland?

Caspar Hirschi: Das Problem spiegelt sich meines Erachtens bereits im Begriff "Nachwuchs". Was sagt es über ein Universitätssystem aus, wenn eine Wissenschaftlerin mit, sagen wir, fünfzehn Jahren Forschungserfahrung, zehn Jahren Lehrtätigkeit und zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen der gleichen akademischen "Klasse" zugerechnet wird wie eine Doktorandin am Anfang ihres Graduiertenstudiums? Der Begriff infantilisiert eine der wissenschaftlich produktivsten Alterskohorten, und diese Infantilisierung schlägt sich auch im akademischen und privaten Habitus der Betroffenen nieder.

F&L: Wie sieht dieser Habitus aus?

Caspar Hirschi: Forschende unterhalb der Professur haben in der Regel so wenig Planungssicherheit und Verantwortung, dass sie es selten wagen, aus dem Schatten ihrer Professoren zu treten, und viele führen auch privat eine Art Studentenexistenz fort und warten mit der Familienplanung, was bei Männern weniger einschneidend ist als bei Frauen, die dummerweise meist noch "Nachwuchs" sind, wenn ihre Zeit für eigenen Nachwuchs ausläuft.

F&L:Wie reagieren junge Wissenschaftler darauf? Gibt es einen Ausweg?

Caspar Hirschi: Eine Möglichkeit, die Karriereaussichten etwas aufzuhellen, besteht darin, sich auf Stellen an ausländischen Universitäten zu bewerben, wo der Flaschenhals zur Professur weniger eng ist. Das Risiko dabei ist, dass man dauerhaft aus den innerdeutschen Seilschaften, die für das Erklimmen einer Professur in Deutschland unerlässlich sind, herausfällt. Für viele scheint das aber ein Preis zu sein, den sie gerne bezahlen. Nicht nur in Österreich und in der Schweiz, sondern auch in Großbritannien stellen die Deutschen das mit Abstand größte akademische Ausländerkontingent.

F&L: Die Schweizer Hochschulen profitieren von der deutschen "Überschussproduktion junger Wissenschaftler". Hat das Konsequenzen für den Schweizer Nachwuchs?

Caspar Hirschi: Ja, das hat Konsequenzen, und zwar positive wie negative. Neben dem Umstand, dass die Verfügbarkeit von Tausenden talentierter Deutscher das schweizerische Wissenschaftssystem kompetitiver macht, tut es jungen Forschenden aus der Schweiz auch gut, mit Leuten ohne ihren spezifisch kleinstaatlichen Hintergrund zusammenzuarbeiten. Die leichte Verfügbarkeit der Deutschen trägt nun aber auch dazu bei - und damit bin ich schon bei den negativen Folgen -, dass in der Schweiz längst fällige Reformen der akademischen Karrierestrukturen entweder auf die lange Bank geschoben oder inkonsequent umgesetzt worden sind. Die Schweizer Universitäten, allen voran jene im deutschsprachigen Raum, haben ähnlich steile Hierarchien wie die deutschen und lassen junge Wissenschaftler ebenfalls viel zu lange im Ungewissen darüber, ob aus ihnen akademisch etwas wird oder nicht.

F&L: Wie gehen Schweizer Nachwuchswissenschaftler damit um?

Caspar Hirschi: Anders als in Deutschland sind in der Schweiz junge Forschende immer weniger dazu bereit, das Risiko eines späten Scheiterns einzugehen: Während die Anzahl der Deutschen auf Doktorats- und Postdoktoratsstellen rasant steigt, geht jene der Schweizer zurück. Meines Erachtens hat dieser Rückgang weniger mit einer steigenden Konkurrenz innerhalb des Wissenschaftsbetriebs als mit dem Wettbewerb zwischen dem Wissenschaftsbetrieb und anderen Betrieben zu tun. Im Schweizer Binnenmarkt sind Universitäten in ihrer jetzigen Verfassung als Arbeitgeber für begabte junge Leute schlicht nicht attraktiv genug.

F&L: Wieviel Unsicherheit darf bzw. muss man einem Nachwuchswissenschaftler zumuten können?

Caspar Hirschi: Der Anfang einer wissenschaftlichen Karriere ist überall mit hohen Unsicherheiten verbunden, und das ist bis zu einem gewissen Grad auch zu begrüßen, denn sonst wäre jeder Ausscheidungswettbewerb ausgehebelt. So lange die Unsicherheit mit einer gewissen Planbarkeit einhergeht, glaube ich, dass sie die wissenschaftliche Originalität junger Forschender wenig bis gar nicht beeinträchtigt. Es ist ein großer Unterschied, ob man auf einer Tenure-Track-Professur sitzt und klare Vorgaben hat, welche Bedingungen man bis zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine Entfristung und Beförderung erfüllen muss, als wenn man als Projektmitarbeiter mit kurzer Vertragslaufzeit auf eine Habilitation hinarbeitet, in der einzigen Gewissheit, dass danach noch eine Privatdozentenexistenz von unbestimmter Zeit ohne sichere Einnahmen folgen wird. Anders gesagt: eine kurze Phase der planbaren Unsicherheit nach der Promotion, verbunden mit harten, aber transparenten Selektionsmechanismen, scheint mir viel sinnvoller zu sein als eine lange Phase der totalen Ungewissheit, bedingt durch lasche und weitgehend informelle Ausscheidungsverfahren.

F&L: Welche Auswirkungen hat die Zunahme an befristeten Verträgen auf die Forschung (Qualität)?

Caspar Hirschi: Ich glaube, diese Zunahme schränkt die Möglichkeit und Bereitschaft junger Forschender ein, Zeit und Energie in originelle Würfe zu investieren. Ich kenne kaum deutsche Historikerinnen und Historiker in meinem Alter, die es gewagt haben, die herrschenden Forschungsmeinungen ihrer Lehrergeneration gründlich in Frage zu stellen. Die Dominanz befristeter Verträge fördert das kurzfristige Denken, in dessen Logik ein steter Fluss an kleineren, minder ausgereiften Publikationen sinnvoller erscheint als das Erdulden einer längeren publizistischen Dürre für eine innovative, sorgfältig gestaltete Monographie.

F&L: Welche Folgen hat das für die internationale Stellung der deutschen Wissenschaft?

Caspar Hirschi: Meines Erachtens hat diese Konstellation dazu beigetragen, dass die deutsche Geschichtsforschung in den letzten Jahrzehnten weiter an internationaler Ausstrahlung verloren hat und sich viele ihrer Vertreter mit der Rolle abgefunden haben, auf die Trends in Amerika oder Großbritannien zu reagieren, als selber in neue Gebiete vorzustoßen.

F&L: Nach dem Plagiatsfall zu Guttenberg findet die strukturierte Promotion in Deutschland immer mehr Befürworter. Welchen Einfluss messen Sie der Art der Betreuung auf den Promotionserfolg zu?

Caspar Hirschi: Einen sehr großen! Strukturierte Doktoratsprogramme erfordern eine verstärkte Kooperation zwischen den Betreuern und erleichtern damit eine Mehrfachbetreuung von Doktoranden sowie eine verbindlichere Verständigung über die Benotungskriterien von Promotionen. Vielleicht noch wichtiger als die Anzahl der Betreuerinnen, die einer einzelnen Doktorandin zur Verfügung stehen, ist jedoch die Anzahl der Doktoranden, für die jede einzelne Betreuerin verantwortlich ist. Gegenwärtig ist es, gerade an Exzellenzuniversitäten, keine Seltenheit, dass Professoren zwanzig und mehr Doktoranden haben. Eine intensive Betreuung ist unter solchen Umständen so gut wie unmöglich - es sei denn, Ersatzbetreuer auf subalternen Positionen opfern sich für ihre Chefs auf. Ob strukturierte Promotionsstudiengänge eine Verbesserung bringen, hängt also entscheidend von den Betreuungsrelationen ab. Damit Peinlichkeiten à la Guttenberg künftig verhindert werden können, sind zudem die jüngst aufgestellten Forderungen des Wissenschaftsrates umzusetzen, die Rollen von Betreuern und Prüfern personell zu trennen sowie das Abgleichen von Gutachten unter den Prüfern zu verbieten.

F&L: Welche Erfahrungen gibt es dazu in der Schweiz?

Caspar Hirschi: Die Schweiz hinkt in Sachen strukturierter Doktoratsprogramme den meisten anderen europäischen Ländern, auch Deutschland, hinterher. An vielen Universitäten gibt es zwar Anstrengungen, Programme einzuführen, die zur Verfügung gestellten Zusatzmittel sind jedoch so gering, dass es vielerorts zum Aufbau neuer Strukturen ohne finanzielles Fundament kommen wird. Immerhin dürfte sich so rasch zeigen, welche Strukturen von sich aus tragfähig sind und welche nicht.

F&L: Wie definieren Sie "optimale" Karrierechancen und Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs?

Caspar Hirschi: Diese Frage lässt sich wahrscheinlich nicht für alle wissenschaftlichen Disziplinen gleich beantworten. Ich beschränke mich daher auf das Feld der Geschichtsschreibung. Meines Erachtens sollten bereits ab der Zulassung zum Promotionsstudium alle Selektionsverfahren durch transparente Gremienentscheide gefällt werden. Auf der Promotionsstufe sind optimale Karrierechancen dann gewährleistet, wenn Studierende zugleich intensiv betreut und an einer langen Leine geführt werden, um eigene Forschungsinteressen entwickeln und verfolgen zu können. Erste Lehrerfahrungen halte ich ebenfalls für nützlich. Wer in vernünftiger Zeit hervorragend abgeschlossen hat und weitermachen will, sollte, wie in den USA, möglichst bald an eine andere Universität wechseln, am besten eine im Ausland, um den akademischen Horizont zu erweitern und der einseitigen Abhängigkeit von den Promotionsbetreuern zu entkommen. Nach einer Postdoktoratszeit von wenigen Jahren müsste dann bereits das akademische Nadelöhr zu einer unbefristeten und unabhängigen Forschungs- und Lehrtätigkeit folgen, damit die wenigen, die es passieren, möglichst früh wissenschaftliche Selbstständigkeit und akademische Verantwortung erhalten, und die vielen, die ausscheiden, noch jung genug für einen neuen Karriereanlauf sind. An Universitäten im deutschsprachigen Raum sind solche Karrieren zwar schon möglich (ich selber bin ein Beispiel dafür), sie bilden aber leider noch immer die Ausnahme, nicht die Regel.


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Dr. Caspar Hirschi ist Wissenschaftsforscher und Historiker an der ETH Zürich. Aktuell forscht er über die Geschichte von Kritikern und Experten in der Aufklärung. 2011 erschien von ihm bei Cambridge University Press "The Origins of Nationalism: An Alternative History from Ancient Rome to Early Modern Germany".


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012