Über die Priorisierungsdebatte in Schweden Von Sabine Stumpf, Thorsten Meyer und Heiner Raspe
Priorisierungsdebatten gibt es in vielen inner- und außereuropäischen Ländern. In Schweden wurde mit Priorisierungsrichtlinien bereits ein Instrument einer versorgungswirksamen Steuerung entwickelt. Eine Analyse.
© courtyardpix - Fotolia.comIn der Priorisierungsdebatte kann Deutschland von Schweden lernenPriorisierung auf der Basis ethischer Prinzipien
Im Rahmen einer nationalen Forschergruppe zur Priorisierung in der Medizin werden an der Universität zu Lübeck seit 2007 die Priorisierungsdebatten mehrerer europäischer Länder untersucht. Das Beispiel Schweden ist besonders interessant, da die Priorisierungsdebatte hier seit fast 20 Jahren kontinuierlich geführt wird und mit Priorisierungsleitlinien mittlerweile ein Instrument einer versorgungswirksamen Steuerung entwickelt wurde. Bereits 1992 wurde dort eine von Experten unterstützte Parlamentskommission gegründet, die ethische Prinzipien für die Priorisierung medizinischer Leistungen diskutiert hat.Mehr zur Priorisierungsdebatte
- Aktuelle ArtikelDie Priorisierung in der Medizin - ethisch vertretbar?Wenn von Priorisierung in der Medizin die Rede ist, dann sind damit vor allem Einsparungen im solidarisch finanzierten Gesundheitssystem gemeint. »
- Aktuelle ArtikelPriorisierungskriterien - lohnt sich eine Diskussion darüber?Bei der Diskussion über eine Priorisierung in der Medizin und deren Priorisierungskriterien, werden immer wieder ethische Diskurse angemahnt. »
Nationale Priorisierungsleitlinien als Orientierungshilfe
Die Arbeit und der Bericht der Parlamentskommission führten nicht nur zu einer Sensibilisierung der schwedischen Öffentlichkeit, sondern bilden bis heute die Grundlage der schwedischen Priorisierungsdiskussion. Auf Initiative des nationalen Zentralamtes für Gesundheit und Soziales (Socialstyrelsen) sowie der Schwedischen Ärztegesellschaft werden seit 2000 konkrete Priorisierungsleitlinien für einzelne Erkrankungsbereiche entwickelt. Die erste dieser nationalen Priorisierungsleitlinien für den Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen wurde 2004 veröffentlicht. Leitlinien für weitere zehn Indikationsbereiche folgten, weitere sind in Arbeit. Hierfür werden nicht einzelne Leistungen, sondern Paarungen aus einer medizinischen Situation (condition) und einer adäquaten medizinischen Intervention (treatment) priorisiert ("condition-treatment-pairs" bzw. "Problem-Leistungs-Kopplungen").Für jedes Problem, z.B. einen Herzinfarkt, kommen mehrere Leistungen in Frage, etwa eine routinemäßige Behandlung mit Nitroglycerin oder eine Langzeitbehandlung mit Beta-Blockern. Entsprechend sind jeweils mehrere Problem- Leistungs-Kopplungen möglich. Unter Führung der Ärzteschaft erarbeitet in Schweden ein Gremium aus Vertretern verschiedener Berufsgruppen Rangreihen dieser Problem-Leistungs-Kopplungen, indem sie ihnen jeweils einen Wert zwischen 1 (höchste Priorität) und 10 (niedrigste Priorität) zuordnen. Zusätzlich sind die Kategorien "Forschung und Entwicklung" (für noch unzureichend evaluierte Verfahren) und "Nicht-Tun" ("ickegöra") möglich. Die routinemäßige Behandlung eines akuten Herzinfarktes mit Nitroglycerin hat in Schweden den Rang 10 erhalten, wird von den Entwicklern der Priorisierungsleitlinie also für verzichtbar gehalten. Die Langzeitbehandlung mit Beta-Blockern nach einem Herzinfarkt hat eine hohe Priorität, sie erhielt den Rang 2. Maßgebend für die Rangordnungen sind die Schwere des Krankheitszustandes, die Nutzen- und Schadenpotenziale der jeweiligen Intervention und ihre ökonomische Effizienz sowie die Qualität der jeweiligen Evidenzlage.
Wie wirkt sich die Priorisierung aus?
Die nationalen Priorisierungsleitlinien sind für ihre wesentlichen Adressaten (Kliniker, Politiker aber auch Patienten) nicht bindend. Sie informieren vielmehr darüber, was nach fachlichem Konsens und Evidenzlage besonders wichtig ist und was für verzichtbar gehalten wird. Dadurch ermöglichen sie sowohl klinisch als auch administrativ eine bewusste Schwerpunktsetzung, ohne die Entscheidungsfreiheit der jeweiligen Akteure einzuschränken. Ein weiteres Potenzial der nationalen Priorisierungsleitlinien ist die Homogenisierung der Versorgungsqualität. Zwar sind die Priorisierungsleitlinien nicht verbindlich und Abweichungen werden nicht sanktioniert. Aber nationale Register erlauben mit Hilfe von Qualitätsindikatoren, die an die Priorisierungsleitlinien anknüpfen, einen Vergleich der Versorgungssituationen verschiedener Einrichtungen und Regionen. Dies kann zu negativer und auch positiver Verstärkung führen: Welche Einrichtung will schon im Vergleich dadurch auffallen, dass sie viele niedrig priorisierte Leistungen erbracht hat?Können wir von Schweden lernen?
Das Lübecker Forschungsprojekt zeigt, dass trotz vielfältiger Unterschiede in den Gesundheitssystemen Schwedens und Deutschlands das schwedische Vorgehen als Vorbild für deutsche Priorisierungsbemühungen dienen kann. Ein Praxisbeispiel soll nun weitere Hinweise auf die Übertragbarkeit auf das deutsche Gesundheitssystem liefern. Unter Beteiligung relevanter Berufs- und Expertengruppen soll bis 2014 für den Bereich der kardiologischen Rehabilitation eine Priorisierungsleitlinie nach schwedischem Vorbild entwickelt werden. Eine wichtige Schlussfolgerung aus verschiedenen ausländischen Priorisierungsdebatten lautet: Es geht nicht um die Frage, ob priorisiert werden soll, sondern vielmehr um die Ausgestaltung der Prozesse, die Werte und Kriterien und um die Ziele der Priorisierung.Diese Fragen müssen - zugeschnitten auf das jeweilige Wertesystem und die Rahmenbedingungen der medizinischen Versorgung eines Landes - diskutiert und beantwortet werden. Eine Anregung kann das Votum einer im letzten Jahr in Lübeck organisierten Bürgerkonferenz sein. Die 20 Teilnehmer aus Lübeck haben nach fast 60 Stunden intensiver Beratungen ihre Antworten auf diese Fragen formuliert. Insbesondere das schwedische Vorgehen, zunächst Grundprinzipien zu identifizieren und anschließend konkrete Priorisierungsleitlinien zu erarbeiten, empfehlen sie auch für Deutschland. Zudem fordern sie eine breite öffentliche Priorisierungsdebatte über Kriterien und Werte zur Priorisierung, an der sich möglichst alle relevanten Gruppen, also auch Bürgerinnen und Bürger, beteiligen sollen. Dies, so das Argument, sei Voraussetzung für allgemein akzeptierbare Priorisierungsvorschläge und damit auch für als gerecht wahrgenommene Allokationsentscheidungen im Gesundheitswesen.
Über die Autoren
Sabine Stumpf ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialmedizin an der Universität Lübeck. Thorsten Meyer hat eine Professur für Rehabilitationsforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover inne. Heiner Raspe ist Seniorprofessor für Bevölkerungsmedizin an der Universität Lübeck.
Aus Forschung und Lehre :: August 2011
Diese Artikel könnten Sie interessieren
Karriere
Arbeitgeber im Blick
Diese Stellen könnten zu Ihnen passen
16. Mai 2012
Jade Hochschule Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth




